Ist das Bachelor-Studium zu einfach?

Wenn man die Bachelorarbeit abgeschlossen, die letzten Prüfungen abgelegt und das Studium im Prinzip erfolgreich beendet hat, fragt man sich nicht selten: Was habe ich jetzt eigentlich genau gelernt? Welche Kenntnisse habe ich jetzt, die ich vorher nicht hatte? Wenn Du kein Tagebuch geschrieben hast, so ist es sehr schwierig nachzuvollziehen, welche Perspektiven und Eindrücke Du am Anfang des Studiums hattest und wie sich diese im Laufe der drei Jahre im Bachelor-Studium verschoben haben. Das ist ganz natürlich. Deshalb darfst Du bei der Analyse, was genau Du im Bachelor-Studium gelernt hast auch nicht zu hart mit Dir sein. Denn viele Erinnerungen bezüglich Deines vorherigen Wissensstands sind verschwommen. Nichtsdestotrotz wollen wir in diesem Blog-Artikel der Frage nachgehen: Ist das Bachelor-Studium zu einfach?

Das Bachelor-Studium ist nicht zu einfach, aber falsch strukturiert

Grundsätzlich ist das Studium natürlich so konzipiert, dass das Basiswissen im jeweiligen Fachbereich in den ersten Semester vermittelt wird. Deshalb gibt es auch einige Vorlesungen, die als Pflichtveranstaltungen deklariert sind. Diese Grundlage wird vom jedem Studenten des Fachs erwartet und ist essentiell, um spätere Kurse und Lehrveranstaltungen zu verstehen. Wenn bei der eigenen Reflektion das Gefühl aufkommt, dass nicht wirklich neues Wissen gewonnen wurde, so hat dies zu einem Großteil auch damit zu tun, dass viele Studierende gleichzeitig unterrichtet werden müssen. Es handelt sich also primär um Frontalveranstaltungen. Lehrbücher müssen gewälzt werden, bestimmte Formeln oder Theoreme auswendig gelernt werden. Das zielgerichtete Lernen auf die Prüfungen hat auch die Folge, dass während des Semesters der jeweilige Stoff nicht wiederholt wird.

Somit hast Du zwar das nötige Wissen für die Prüfung, aber bist eben nicht gefordert, zwischendurch Deine Wissensbasis zu festigen. In einigen Studiengängen mag dies anders sein, wo durch Zwischenprüfungen dazubeigetragen wird, dass die Motivation zur Wissensverfestigung regelmäßig gegeben ist. Kleinere Lerngruppen mit direkter Betreuung durch wissenschaftliche Mitarbeiter mit einer regelmäßigen Lernkontrolle würden sicherlich die Lernerfahrung steigern. Gleichzeitig ist dies in vielen Uni-Budgets einfach nicht möglich. Das Bachelor-Studium ist letztlich lediglich darauf ausgelegt, Wissen zu vermitteln und zugänglich zu machen. Für die Wissensaufnahme ist der Studierende selbst verantwortlich. Die Umgebung dafür könnte sicherlich besser sein. Allerdings hilft es auch nicht, sich zu beschweren. Das Studium ist vielleicht falsch strukturiert für die optimale Vermittlung des Wissens, aber moderne Technologien ermöglichen es mittlerweile, zusätzliches und ergänzendes Wissen flexibel zu akquirieren. In dieser Kombination können die Schwächen des deutschen Hochschulsystems dann doch behoben werden.

Ja, zu einfach. Aber das ist super: Nimm Dir Freiräume außerhalb des Lehrplans für Dinge, die Dich interessieren

Ob Du persönlich das Studium als zu einfach wahrnimmst, ist natürlich auch immer Deine persönliche Einschätzung und hängt ganz von Deinen vorherigen Qualifikationen bzw. Talenten ab. Grundsätzlich ist es aber wohl so, dass jeder, der auch das Abitur geschafft hat, ein Bachelor-Studium bewältigen kann. Für die Studierenden, denen das “Auswendiglernen” etwas einfacher fällt, wird das Studium sowieso nur wenig Herausforderungen bereit halten. Dies führt dazu, dass im Rückblick das Gefühl entsteht, keine wertvollen Fähigkeiten erworben zu haben. Letztlich ist es aber so, dass die Freiräume, die im Rahmen des normalen Lehrplans entstehen natürlich gezielt ausgenutzt werden können. Und dies ist ein großer Vorteil.

Früher – als die meisten Studiengänge noch als Diplom-Studiengänge organisiert waren – war es eben genau diese Freiheit, die von vielen Seiten sehr geschätzt wurde. Studierende konnten die freie Zeit nutzen, um verschiedene Tätigkeiten auszuüben, die sie entweder fachlich oder persönlich nach Vorne gebracht haben. Hobbies können sinnvoll ausgeübt werden, die Teilnahme an Hochschulgruppen wird ermöglicht – es gibt eine Vielzahl von vernünftigen Aktivitäten, die sonst, in einem durchgetakteten Studium oft zu kurz kommen. Deswegen sollten Studierende, denen das Studium eher einfach fällt, auch genau hier ihre Chance ergreifen. Teilnahme an extracurriculären Events, die Weiterbildung in MOOCs, das Engagement als Tutor – egal ob fachlich relevant oder nicht, es sind genau diese Tätigkeiten die beim Formieren des eigenen Charakters eine große Rolle spielen. Deswegen sollte man diesen auch ausreichend Raum einräumen, ohne die verpflichtenden Veranstaltungen des Studiums zu vernachlässigen.

Nicht zu einfach, aber die erlernten Fähigkeiten sind nicht die, die Du denkst

Wenn Du im Allgemeinen über Dein Studium reflektierst, vergleichst Du Dich auch immer automatisch mit herausragenden Persönlichkeiten in Deinem Fachgebiet. Du siehst beispielsweise, welche Kenntnisse der wissenschaftliche Mitarbeiter an Deinem Lehrstuhl hat. Oder kennst Kommilitonen im Master-Studium, die Dir Lichtjahre voraus scheinen. In diesen Fällen kannst Du beruhigt sein: Es ist nicht so schlimm wie Du denkst. Natürlich werden im Studium Wissen und Fähigkeiten vermittelt, aber solange Du ein gesundes Interesse für die verschiedenen Thematiken mitbringst, kannst Du Dir viele Sachen auch noch aneignen. Das Studium an sich ist somit gar nicht wirklich Indikator für Fachkenntnis, sondern vielmehr eine Bestätigung dafür, dass Du in der Lage bist, Aufgaben zu verstehen und und zeitnah zu lösen. Diese Fähigkeit lässt sich auf verschiedene Branchen einfach übertragen. Nur deshalb kannst Du beispielsweise in einer Management-Beratung auch oftmals einsteigen, ohne BWL-Kenntnisse zu haben.

Sicherlich ist diese Erkenntnis nicht zu 100% auf ingenieurwissenschaftliche Tätigkeiten zu übertragen. Aber mit einem gesunden Level an Neugier und Begeisterung lassen sich viele notwendige neue Fähigkeiten schnell erlernen. Das Studium hilft ungemein dabei, sich selbst zu strukturieren und Aufgaben in einer definierten Zeit zu bearbeiten. Darüber hinaus werden natürlich auch fachliche Konzepte vermittelt, aber diese können – ohne das Studium konkret abzuwerten – auch später aufgefrischt werden. Deshalb: Auch wenn es so wirken mag, dass im Studium keine konkreten Fähigkeiten vermittelt werden, so ist dies nicht korrekt. Es sind nur ganz andere Fähigkeiten, als Du vielleicht vermutet hättest.

Und so kann man zu dem Schluss kommen: Das Studium ist sicherlich nicht zu einfach, sondern bietet eine gute Basis für die Entwicklung eigener Interessen im Fachgebiet. Dabei sollte man existierende Freiräume nutzen und sich weiterzubilden, aber dies stets aus einer holistischen Perspektive. Die Studienjahre sind ja schließlich – Vorsicht: Phrasenschwein – die besten Jahre des Lebens.

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